Katechesen

Die Heilige Messe

Das Mysterium des Glaubens

Ungesichertes Vorschau-Dokument - Arbeitskopie 4

 2. Katechese: 29. 7. a. s. 2014

missa sine nomine

(Nach dem Titel des Romans von Ernst Wiechert aus dem Jahr 1950)

Viele Namen gelten der selben Sache, & das – nach der Meinung des Philosophen (das ist: Aristoteles!) – auf wenigstens drei unterscheidbare Weisen: homonym, paranym, & mehrdeutig eindeutig – ein logisches Verhältnis, das später analog genannt werden wird. Immer steht dabei außer Frage, dass die Namen Sachen benennen und deren Wesen zum Ausdruck bringen. Das ist der Sinn der Sprache: die Verständigung; & auch wenn der Zusammenhang von Wort, & Ding immer konventionell bleibt, also irgendwo, & -wann verabredet wurde, so steht doch seitdem fest, dass ein Igel keine Maus ist, & daher nicht mit Speck gefangen wird. Schwieriger wird es, wenn ein Name zwei Sachen zugleich benennen kann, die ganz und gar nichts miteinander zu tun haben. Das ist das Problem der Bremsen, wo a priori festzustellen ist, ob man von Fuhrwerken oder Insekten spricht, wenn man sich über Bremsen verständigen will. Aber kann man auch bezüglich der Gesundheit zu einer sprachlichen Einigung kommen, wenn ein Gift – berechtigterweise und unter bestimmten Umständen – gesund genannt wird? Was hat die gesunde Farbe des Urins mit einer Kur gemeinsam, deren Ziel die Stabilisierung der Gesundheit ist? Solche Fälle von Mehrdeutigkeit (einer grundsätzlichen Behinderung jeder Verständigung) nennt Aristoteles eindeutig mehrdeutig, weil, trotz aller Verschiedenheit der Anwendung, dem Wort gesund doch eine irgendwie grundsätzliche Bedeutung zugrunde liegt, die aus dem Vielerlei dann doch wieder eine Einheit macht und der Rede von der Gesundheit ihre notwendige Bedeutsamkeit zurückgibt.

Wie aber redet die Kirche von der Messe, dem Mysterium des Glaubens, deren Inhalt die Eindeutigkeit dessen weit übersteigt, mit dem in dieser Welt sprechend umzugehen der Mensch fähig und gewohnt ist? Die Messe hat viele Namen: Heilige Versammlung, Eucharistie(-feier), Gottesdienst, Herrenmahl, Brotbrechen, Secretum, Mysterium, Sacramentum, Divinum Officium, Heilige Liturgie. Meinen alle diese Worte dasselbe, oder nur das Gleiche; sind sie eindeutig, oder mehrdeutig; bilden sie das Bedeutungsfeld der Analogie (& wenn ja, welcher Art) oder liegt ihre Verschiedenheit an der perspektivischen Vielfalt unterschiedlicher Interessen, die sie in je anderer Weise spiegeln? Wie immer dies sei, fest steht zunächst, dass die Sprache in einer Beziehung zur Hierarchie der Dinge steht, & darum der komplexere Inhalt auch den präziseren Ausdruck verlangt. Je bedeutungsreicher die Wirklichkeit in Erscheinung tritt, desto mehr wird die Sprache herausgefordert, deren Komplexität zu entsprechen. Wer etwa mit drei knappen Sätzen das Miteinander von Mann und Frau erledigt hat, dem wird sehr bald der Vorwurf begegnen, er habe Wesentliches daran verschwiegen. Es mag für eine dekorativ rezipierende Leitkultur genügen,  sinistrer, & obscurer Rede gewichtige Bezüglichkeiten zu unterstellen; doch gilt dies nur solange, als ein ernstzunehmender Stromausfall für jene Stille sorgt, in der einer bemerken kann, dass, je anspruchsvoller die Sachen werden, der Mensch sich desto schweigsamer zu ihnen verhält. Reicht die Sprache vielleicht gar nicht aus, um allem, was ist, mit Verständnis zu begegnen und diesbezüglich Verständigung zu schaffen?

Das also kann schon einmal gar nicht gelten: Die Grenzen des Sprechens sind die Grenzen des Seins! Aber so ist das ja auch gar nicht gesagt worden, sondern anders, mehr vom Menschen her: die Grenzen unserer Sprache sind die Grenzen unserer Welt, & das sagt dann, es sei für den Menschen überhaupt nur dasjenige von Belang, über das er sich auch sinnvoll sprachlich mitteilen kann. Aber hat einer überhaupt Interesse an einer seinigen, also nur für ihn selbst bestehenden Welt? Ist nicht in Wahrheit das ganze Um, & Auf des Erkenntnisbetriebes allein von der Hoffnung angetrieben, die heillose Eigenwelt im Maßstab der gemeinen, also gemeinsamen Welt in Maß und Ordnung zu bringen? Besteht die Verbindlichkeit des Wissens nicht gerade darin, zu jeder Zeit öffentliches Gut (bonum commune) werden zu können? Darum fragt der Mensch seit jeher, was die Welt im Grunde ist und wie es mit ihr in Wahrheit steht; und ist mit diesem Fragen nicht immer irgendwie unterstellt, um die rein private Weltvermessung müsse gerade darum ein solches Geheimnis gemacht werden, weil sie nicht wirklich wahr, d. h. (mit)teilbar ist.

Wie aber stände es um den hoheitlichen Anspruch der Sprache, dem Menschen seine Welt zu bestellen, wenn ihr Sachen vor das Denken kommen, die sich ganz und gar antilogisch, also sprachresitent verhalten? Unter Wahrung der Gleiche von Sprache und Welt wäre ein solches Ereignis für einen Menschen irrelevant; da es sich weder berichten, noch bereden lässt, mag es bleiben, wo es ist – es geht niemanden an.

Dennoch hat es der Mensch immer wieder mit Erfahrungen zu tun, die ihm die Sprache verschlagen. Da nur das wirklich ist, was wirkt, begrenzt sich die Sprache in einem solchen Fall selbst als die Grenze unserer Welt. Denn Welt ist schließlich der Inhalt, also das Ganze dessen, das wirkt oder wirken kann. Also gibt es Welt auch jenseits der Grenze der Sprache, wo das Schweigen (und manchmal auch das Stottern, oder das Hüpfen und Springen, ebenso wie das Vergießen von Tränen oder das Klappern der Zähne) ihre Wirklichkeit hütet.

Die Wirklichkeit kann die Sprache überwältigen, so dass deren Schwäche und Ohnmacht zu Tage treten. So gibt es von der Welt als der Summe des Wirklichen keine immanente Erfahrung, & daher keine urteilsfähige Sprache: das Ganze kommt logisch über die Unterstellung nicht hinaus, es sei anders gar nichts sinnvoll zu denken, wenn nicht als einen Teil und damit eine Erscheinung des Ganzen: als partikulare Ansicht der Welt. Die Welt sieht einer immer nur teilweise; nicht weil er sie (damit) nicht zu Gesicht bekäme, sondern weil er sie anders überhaupt nicht sehen kann.

Genetisch nimmt die Sprache nicht an der Wirklichkeit Maß, sondern an der von der Wirklichkeit beeindruckten Vernunft. Die Wirklichkeit ist nicht die Sprache, ebensowenig wie die Sprache die Wirklichkeit ist, sondern die Sprache spricht vom Verstehen. Intellekt und Wirklichkeit jedoch, Sein und Erkennen sind – nach der verehrungswürdigen Lehre des Parmenides – dasselbe. Während die Sprache die Eindrücke des Intellektes nur symbolisch verarbeitet, erfasst dessen Schaukraft die Wirklichkeit mit einer Fehlerlosigkeit, die in der Konvertibilität beider bei der Epiphanie des Seins gründet. Die Scholastiker werden später sagen: ens et verum convertuntur. So kommt heraus, dass die Vernunft der Dinge sehr wohl still inne sein kann, – & der Versuch der Sprache, sich darauf einen Reim zu machen, vergeblich bleibt. Das Unternehmen, die Welt zu erkennen, inszeniert kein logisches Remake des sagenhaften Hase- und Igel-Tricks, da es dem Wesen des Seins widerspricht, immer und überall zu spät zu kommen. Das Sein ist in der Weise des Gastgebers pünktlich.

Aus diesem Grunde kann einer um die Schöpfung der Welt wissen, auch wenn er nicht genau zu sagen vermag, wie es dabei mechanisch zugegangen ist. Für den Hl. Augustinus war die Zeit ein Geheimnis, um das er immer dann wusste, wenn er nicht gezwungen war, darüber zu reden; wenn es aber darum gehen sollte, dieses Wissen verständlich zu machen, dann war es plötzlich verloren. Wie wäre es nun, wenn im Falle der Messe einer ebenso sicher wäre, zu sehen, was sie sei, ohne darüber Worte machen zu können? Könnte er dann von ihr reden in einer Weise, die darauf besteht, dass die Worte die Sachen ihrem Wesen entsprechend bezeichnen. Wenn ein solches Unvermögen den Anfang von Allem, von Himmel und Erde betrifft, dann doch wohl ebenso deren Rettung vor dem ewigen Verderben, die man Erlösung nennt. Und wie sollte einer unfähig sein, das Wesen der Zeit in Worten zu fassen, zugleich aber von etwas ohne Verlegenheit sprechen, das zwar in der Zeit, aber zugleich über der Zeit ist.

Als Mose aus verständlichem Grund – denn die Forderungen Gottes waren heftig – im Angesicht des brennenden Dornbusches auf Heiligem Boden stehend um die Mitteilung bat, in wessen Namen er die Israeliten aus Ägypten herausführen solle, da wurde ihm kein Name mit auf den Weg gegeben. Wer sich ICH BIN, DER ICH BIN nennt, der will keine Post bekommen. Aber ist nicht gerade das eine starke Auskunft, dass Gott keinen Namen hat? Keiner kann Gott aufrufen oder ausrufen lassen, keiner kann ihn schelten oder ihm befehlen. Die Theologen sagen: Gott ist souverän. Das alles liegt eben auch im Namen: Mit dem Namen fängt das Wissen um jemanden an, und mit dem Wissen die Macht über ihn. Die Sprache aber, die mit Begriffen die Sachen und deren Verständnis bezeichnet und ausspricht, bindet in das Systems des Verstehens und der Verständigung. Sie dekliniert das Wort und verknüpft die Worte nach dem Reglement ihrer formalen Richtigkeit. Der Gehorsam gegen die Grammatik der Sprache ist Unterwerfung unter ihre Absicht auf Verständigung. Wer die Sprache beherrscht, bringt Bildung und Kultur zum Ausdruck, & er geht dabei gleich der Sprache in die Falle, denn es ist die Sprache, die den beherrscht, der sie spricht.

Das wirklich Große aber hat keinen Namen: & selbst davon darf nur einmal im Jahr und nur von einem ausdrücklich (wie es der Sprache entspricht) gesprochen werden. Ansonsten herrscht nicht die Sprache, sondern Schweigen. Dennoch verstehen alle, was das Schweigen sagt: Das wirklich Große ist so groß, dass es keinen Namen hat. So hat auch die Messe keinen Namen; denn in der Messe wird das Größte überhaupt nahe: dass Gottes Herrlichkeit aus seinem Erbarmen kommt und ist. Dafür gibt es auf Erden keine Worte: für das, das in der Welt ist, aber nie und nimmer von ihr kommt. Aber die Messe ist in der Welt; & was in der Welt ist, das ist in den Koordinaten der Welt, der Weltvermessung eben. Was die Messe ist, das hat Zeiten und Orte in der Welt. Darüber kann man reden; davon kann man wissen. Wäre es sinnvoll, dass die Messe in der Welt wäre, & niemand von ihr wüsste? Das, das die Messe ist, kann Subjekt in einem Satz sein, weil man sagen kann, wann und wo es ist. Aber das, was die Messe ist, kann dieses Wort, das der Satz bestimmt, nicht sagen. Darum ist dieses Wort ein Wort, von dem jeder sehen kann, dass es weder Wesen noch Verstehen bezeichnet. Es ist ein Randwort, ein unwesentliches Wort – ohne jede Eitelkeit, & bar irgendwelchen theologischen Gewichts. Es ist das Wort, das der Priester sagt, wenn die Messe vorübergegangen ist, wenn man nur noch ihren Rücken in großer Entfernung sieht, der im Nebel verschwindet. Das Wort missa hat – absolut gesagt – gar keinen Sinn; es ist nichts als ein Stück aus dem letzten Satz der Messe; herausgebrochen aus der Gemeinschaft der Worte, die ihm Sinn geben. Erst mit den anderen Worten zusammen wird es sinnvoll: dann spricht es vom Heimweg, von dem, das nach der Messe ist.

Delta/4. 9. 2014
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