Katechesen

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 1. Katechese: 22. Juli a. s. 2014

Mysterium fidei

„Hic est enim calix sanguinis mei, novi et aeterni testamenti, mysterium fidei, qui pro vobis et pro multis effundetur in remissionem peccatorum.“

Innocentius PP. III (Lotario dei Conti di Segni 1161 – 1216), Mysteriorum Evangelii Legis et Sacramenti Eucharistiae libri sex. Ordo Missae. PL 217, 770

Die Katechesen werden in den folgenden Wochen die Heilige Messe zum Thema haben. Das hat einen praktischen Grund. Nicht allein scheint das Schicksal der Kirche, von den Kräften der Unterwelt nicht überwunden werden zu können, an die Heilige Messe derart gebunden, dass gesagt werden kann, das Versprechen des Herrn gelte insofern, als die Kirche die Messe bewahrt: wenn anders dann eben auch gelten muss, dass die Messe die Kirche behütet, deren Unverletzlichkeit solange anhält, als sie sich im Ganzen als den Hof der Messe versteht, & – ihr zugewandt – in der Messe ihre Mitte und ihr Heiligtum vor Augen hat. Das Schicksal der Messe ist das Schicksal der Kirche, & wer die Messe verliert, der hat die Kirche verloren. Alles in der Kirche folgt dieser einfachen Logik; jede Form, die sie dem Leben ihrer Glieder schenkt, drückt sie aus. Die Messe ist das Lot, das in das Leben der Kirche geworfen wird, & das sie misst; darum kann gesagt werden: die Messe ist das in der Mitte der Kirche sich stets erneuernde Gericht über sie, das in der einzigen Frage besteht: hat die Kirche heute dem Mass Stand gehalten, das an ihre Mauern gelegt ist – oder ist sie aus dem Ruder gelaufen, hat die Form verraten und das Geheimnis verdunkelt, das vor den Völkern zu zeigen sie berufen ist? Et dixit Dominus: Ecce ego ponam trullam in medio populi mei Israel (Am 7, 8b).

Vom Mysterium fidei

Niemals darf die Kirche zur Herrin der Messe werden; die Kirche ist ihrem ganzen Wesen nach die Magd des Herrn, die – wie ihre Ahne Maria – für alle Zeiten der Weg Gottes auf diese Erde bleibt; sie ist die Braut des Bräutigams; sie ist IHM durch das Vergiessen Seines Blutes vermählt. Darum kann die Kirche nie mehr sein und Grösseres als das Opfer, das ihre Stellung vor dem Herrn bestimmt, denn das Opfer erst hat sie zu dem gemacht, das sie ist: die Braut (eben) des Lammes. Darum ist es Zeit zur Wahrheit des Bekenntnisses zu erwachen: das eine Opfer vollzieht sich in zwei aesthetischen Praesenzen: einer blutigen und einer unblutigen! Doch sind beide identisch und nicht voneinander zu trennen; nicht nur das unblutige vom blutigen Opfer, weil das eine die Quelle des anderen ist. Vielmehr bedeutet die Not, zur ganzen Wahrheit des Bekenntnisses zu erwachen, auch, zu verstehen, dass das blutige Opfer von Golgotha eine innere, & wesentliche Verbindung besitzt zu der unblutigen Diachronie, mit der es sich in der Zeit über die Zeit erhaben zeigt. Darum ist die Messe ganz und gar mysterium fidei, denn allein der Glaube besiegt diese Welt, in der alles durch die Zeit seine Kraft verliert. Aus diesem Grund wird die Heilige Messe gestiftet pridie quam pateretur, vor der Passion, der Auferstehung und der Himmelfahrt, damit jeder verstehen kann, dass all dies die Messe zum Ziel hat und nie aus dem Auge verliert. Die Messe ist das Gefäß, das die drei Heilsgeheimnisse aufzunehmen bestimmt ist. Das bedeutet nichts anderes als: der erlösende Tod Christi am Kreuz, seine Auferstehung und Himmelfahrt, sind von Anfang an in eine Sphäre ohne Zeit hinein geschehen, damit sie zu jeder Zeit geschehen können. So legt die Messe allein durch ihre Existenz Zeugnis ab von der Realtität des Todes, der Himmelfahrt und der Auferstehung des Christus, denn was sie ist, das könnte sie gar nicht sein, wäre der Herr nicht aus Zeit und Raum auferstanden von dem Martertod des Kreuzes und eingetreten in die ewige Sphäre des Himmels.

Die Messe aller Zeiten

Die Messe kommt nicht aus der Vergangenheit zu uns, ihre Gesänge modulieren nicht die Betroffenheitslyrik einer um ein Totem versammelten Gedächtnisgemeinschaft. In der Messe trauert niemand um ein verlorenes Gut. Die Messe kommt aus dem Himmel zu uns, sie ist der Anfang des Eschatons; ihre Gestalt tritt aus dem Himmel hervor: et ecce ostium apertum est in coelo (Apc. 4, 1)! Die Messe ist die reale Praesenz der zukünftigen Welt und Wirklichkeit; denn es ist dumm, zu glauben, ein Geschehnis, wie das auf dem Golgotha, könnte jemals an die Zeit verlorengehen: vielmehr bestimmt sich, wenn solches geschieht, von daher die Wirklichkeit neu und damit auch die Weise, wie einer in dieser Wirklichkeit lebt. Was die Wirklichkeit aber in Wahrheit ist, das zeigt sich von der Zukunft her, und darum kann Wirklichkeit immer nur aus der Zukunft ankommen; denn Wirklichkeit ist in ihrem Wesen die Wandlung und Überwindung des Vergangenen durch die Zukunft. Wenn nicht, dann gilt immer nur das tödlich Gleiche, die mechanische, chronomorphe Repetition ohne Hoffnung: wenn die Zukunft das Gesicht der Vergangenheit trägt, dann bringt sie nichts als das sichere Sterben. Das Thema der Messe aber ist jene Wandlung, die als die Überwindung der Vergangenen durch die Zukunft wirkt. Was aber wirksam ist, das ist gegenwärtig. Die Messe steht und fällt mit der realen Gegenwart  – des Anfangs, dem die Zukunft zugrunde liegt.

Vom Wesen des Bösen

Von daher ist es möglich, das Prinzip des Bösen zu bestimmen: das Böse verwandelt auch, es verwandelt alle Zukunft in Vergangenheit. Daher ist das Böse mit dem Tod vergeschwistert und agiert mit dem Tod: was es berührt, muss sterben, was nichts anderes heisst als: es darf keine Zukunft haben. Wenn das AT sagt, wer Gott sieht, der muss sterben, dann sagt es genau dies: wer den Ursprung des Lebens zu Gesicht bekommt, der sieht, dass er selbst Vergehen und Vergangenheit ist, und dass er es bleibt, solange nicht Christus ihm Zukunft schenkt, also Gott zurückgibt. Das Böse nimmt dem Menschen Gott weg und gibt ihm den Tod; Christus nimmt (für sich) den Tod und gibt dem Menschen (so) Gott zurück. Das ist der Kern, um den herum alles andere wächst und wird.

Von realer Gegenwart

Wir haben gelernt, die Schöpfung sei vor der Zeit und außerhalb von ihr, und könne und müsse darum zu jeder Zeit sein (creatio continua). Wenn die Erlösung als Schöpfung verstanden wird, dann muss auch sie ausserhalb der Zeit sein, um jederzeit sein zu können. Dann ist sie nicht denkbar ohne die reale Praesenz ihrer die Logik des Bösen sprengenden Dynamik. Diesem Prinzip der realen Gegenwart ist das ganze Leben der Kirche unterworfen: und diese vollzieht sich in der Heiligen Messe. An alles Tun und Lassen der Kirche ist daher die Frage zu richten, ob es der realen Gegenwart der Erlösung in ihrer Mitte entsprochen hat.

Man versteht jetzt, dass die Kirche niemals zur Herrin der Messe werfen darf. Sie muss auf sie hören, – lauschen, nicht lärmen. Denn die Messe ist der Weg der Kirche durch die Zeit. Dass aber eine solche Versuchung entstehen kann, das hängt mit einem Prinzip zusammen, das die Kirche mit all jenen gemeinsam hat, die Gottes Herrlichkeit je berührt haben. Wer hat dem Menschen und der menschlichen Seite der Kirche gesagt, die alte Weisung habe nach Christus ihre Bedeutung verloren, nach der ,jeder, der den Berg berührt, sterben muss!‘ (Ex 19, 12b)? Wer hat uns gesagt, die reale Praesenz der Doxa Theou koste das Leben nicht weiter? Auch wenn diese Herrlichkeit sich als aus der Barmherzigkeit geboren offenbart, bleibt es bei dem Preis den sie fordert. Christus hat diesen Preis bezahlt: ein für alle Mal! Danach wird das Heilige und das Herrliche Alltag, es wird – trotz seiner Abkunft aus den Himmeln – ein menschliches Ding, so wie Christus aus Maria ein menschliches Ding des Alltags geworden ist. Als Christus den Philippus fragte, ob er ihn, nach der langen Zeit, in der sie zusammen waren, immer noch nicht erkannt hätte, sprach er von dieser Blindheit, die der Alltag für das in ihm gegenwärtige Heilige hegt. Aber weit entfernt davon, den Philippus zu verurteilen, muss gesagt werden, dass die Kirche von dieser Blindheit lebt. Worin bestehen denn die praktischen Probleme derer, die ihren Alltag im Angesicht der offenbaren Herrlichkeit des dreifaltigen Gottes fristen, denen täglich der Atem genommen ist und die Sprache verschlagen wird durch das, das ihre Hände fassen? Als Gott dem Mose gebot, eine Grenze zu ziehen um den Berg, auf den Seine Gegenwart sich herabsenken sollte, war er da Öffentlichkeitsscheu oder um das physische Leben seiner Kinder in Sorge? Um die reale Praesenz des Heiligen sind immer Grenzen gezogen worden um des Menschen willen, so dass dessen Gegenwart geradezu an solchen Cautelen erkennbar wurde. Selbst Maria erschrickt, als der Himmel in ihre Kammer eintritt. Die Lippen der Propheten müssen mit glühenden Steinen gereinigt werden, damit das Wort des Heiligen und Herrlichen auf sie gelegt werden kann. Und als Petrus dem Christus zum ersten Mal begegnet, spricht er – von den Knien aus – die klügsten Worte, die er jemals ausserhalb von Cäsarea Philippi gesagt hat: „Geh weg von mir, denn ich bin ein sündiger Mensch!“ (Lk 5, 8).

Die Tugend der Oberflächlichkeit

Die Frage ist: Wie kann einer, der Sünder ist, mit dem Heiligen als seinem Alltag so zusammenleben, dass er nicht auf der Stelle stirbt? Er kann es nur durch die Tugend der Oberflächlichkeit, die als Ritus praktisch wird. Das sicherste Zeichen für die reale Gegenwart des Allerheiligsten, des sanctissimum, das zwar das gleiche ist aber doch mehr als das Sanctum Sanctorum, ist die Ritualität, die einzig und allein einem Menschen den Umgang mit ihm ermöglicht. Wer nicht ritual lebt und zu leben vermag, der kann sich dem Heiligen nicht nähern, in seine Gegenwart nicht treten. Denn wir treten heute nicht mehr hin zu Rauch und Donner, zu Blitzen und Posaunen, sondern vor das liebenswerte Angesicht des aus Liebe sterbenden Gottes; wie sollte dann der Tod nicht tiefer sein, der Abgrund nicht abgründiger, den der sündige Mensch stirbt und in den er fällt, der solcher Liebe nahe kommt? Wenn die Sünde bedeutet, nicht zu lieben, dann bedeutet die Gegenwart der Liebe für den Sünder, nicht zu sein. Würde ein Priester auch nur für einen Augenblick den Schleier heben, der auf dem Geheimnis der göttlichen Liebe liegt, den Teppich heben, der den Abgrund der Barmherzigkeit bedeckt, zu deren Füssen er steht, es würde ihn verbrennen wie hellloderndes Feuer getrocknetes Stroh versengt auf den beernteten Äckern des Herbstes der Welt.

Vom Trost der Ritualität

Es ist nicht leicht, das Wesen der superficialitatis virtus zu erklären, von der hier gesagt wurde, sie mache das Leben im Hof des Heiligen überhaupt erst möglich. Der Akt dieser Tugend ist missverständlich, & ihre Forderung kontrovers. Der Hl. Augustinus unterstrich gegen den Purismus der Donatisten, die Sakramente vermittelten das Heil nicht auf Grund der moralischen Disposition ihres Spenders, sondern aus Intention und Ritus: ex opere opertato, wie die Kirche mit dem Konzil von Trient später sagen sollte (DH 1608). Damit war zweifellos ein Stück moralischer Indifferenz sanktioniert worden, dennoch verteidigte die Position des Hl. Augustinus die Sicherheit des Gläubigen, die Gnade der Sakramente auch tatsächlich empfangen zu haben. Hätte er sich denn der moralischen Qualitäten seines Beichtvaters vor jeder Beichte erst investigatorisch vergewissern sollen? Wenn der sakramentale Weg, den die Kirche mit Blick auf die Heiligung des Menschen geht, die Sicherheit der Gnadenvermittlung einschließt, dann verlangt solche Sicherheit nach objektiven und nicht zufälligen, moralischen Kriterien. Wer unbedingt will, mag an diesem Konzept einen gewissen Automatismus kritisieren und den Mangel an Persönlichem beklagen, der dem Ritualismus der Gnadenvermittlung zum Opfer gebracht wird. In der Sache jedoch gibt es zu diesem Weg keine erkennbare Alternative. Was nun von jenen Sakramenten gilt, die sich ganz und gar am Menschen vollenden, das gilt desto mehr für dasjenige unter Ihnen, aus dem die Gnade der übrigen überhaupt erst hervorgeht und aus dem, wie aus einer Quelle, sich die Kraft jedes Sakramentes speist: der Heiligen Messe. Das Heilige ist seinem Wesen nach streng, und das sich als Liebe offenbarende Heilige erst recht; & ebenso wie es Höflichkeit gibt als Ersatz für den Mangel an Liebe, so kann keiner auf Dauer dem Heiligen in der Qualität des Moralischen begegnen; denn zum einen unterliegt Moral zeitlichen Grenzen, und zum anderen war sie noch nie ohne Risiko. Das einzige menschliche Verhalten, das dem Heiligen entsprechen kann, wird daher den Menschen beängstigend konsequent reduzieren; es wird die Disziplin eines Kunstwerkes fordern, dessen Inszenierung in höchstem Masse Gehorsam verlangt. Die Schritte auf das Heilige zu sind gezählt wie die Schritte eines überirdischen Tanzes, jeder Gestus folgt einer Partitur äußerster Selbstvergessenheit: der Moment, in der das Heilige in den Händen des Menschen liegt, ist erfüllt von einem schwindelerregenden Verzicht auf jede denkbare Art von Freiheit. Der Name für diese Art des Handelns, in dem der Mensch sein Persönliches verliert, ist Ritus. Der Ritus ist eine Kunst, die – wie die Griechen bezüglich der Kunst meinten – erlernt werden kann. Die ihm entsprechende Tugend ist der Gehorsam, der den Verzicht auf Originalität ebenso einschließt, wie die Forderung nach Anonymität. Der die Messe zelebrierende Priester trägt darum keinen Namen; wer nach ihm fragt, erhält nur einen Bescheid: den Namen Christi!

Delta
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