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A  n  n  o      S  a  l  u  t  i  s      M  M  X  X

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I n  T e m p o r e  A f f l i c t i o n i s

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Katechese I

N. b.: In diesen Tagen der Prüfung bleibt die Bernardi-Kapelle im Heiligenkreuzer-Hof geschlossen. Der Rektor feiert die tägliche Hl. Messe für jedes Glied der Gemeinde mit der Bitte um Gottes Schutz und die Stärkung des Glaubens und der Hoffnung und erteilt  (in demselben Anliegen) den sakramentalen Segen.

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„Es ist nämlich die Geduld, die den Geist davor bewahrt, zum Opfer der Traurigkeit zu werden.“

Thomas von Aquin, STh II-II q136, a1 ad3

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Röm 5, 1-5

„Da wir nun gerechtfertigt sind auf Grund des Glaubens, haben wir Frieden mit Gott durch Unseren Herrn Jesus Christus, durch den wir ja im Glauben Zutritt zu dieser Gnade, in der wir stehen, erlangt haben, und wir wollen uns der Hoffnung auf die Gottesherrlichkeit rühmen. Aber nicht nur dies, sondern wir wollen uns auch der Drangsale rühmen, da wir wissen, dass die Drangsal Geduld bewirkt, die Geduld Bewährung, die Bewährung Hoffnung. Die Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden, weil die Liebe Gottes in unseren Herzen ausgegossen ist durch den Heiligen Geist, der uns geschenkt wurde.

Thomas von Aquin, STh II-II q136, a1 c

Die sittlichen Tugenden sind auf das Gute hingeordnet, insofern sie das Gut der Vernunft gegen den Ansturm der Leidenschaften bewahren. Neben anderen Leidenschaften wirkt auch die Traurigkeit dem Gut der Vernunft entgegen; gemäss 2 Kor 7,10: ‚Die Traurigkeit dieser Welt wirkt den Tod‘ und Sir 30, 25: ‚Viele hat die Traurigkeit getötet, und es ist kein Nutzen in ihr.‘ Darum ist es notwendig, eine Tugend zu besitzen, die das Gut der Vernunft vor der Traurigkeit bewahrt, damit die Vernunft der Traurigkeit nicht erliegt. Das aber bewirkt die Geduld. Daher sagt der Hl. Augustinus (in seinem Buch ‚Über die Geduld‘): ‚der geduldige Mensch erträgt Übel mit Gleichmut,’ d. h. ohne die Wirrnisse der Traurigkeit, ‚damit wir durch einen aufgewühlten Geist nicht das Gute verlieren, das uns zum Besseren führt.‘ Somit ist klar, dass die Geduld mit Recht eine Tugend genannt wird.“

Thomas von Aquin, STh II-II q136, a4 ad2

„Der Akt der Tapferkeit besteht nicht nur darin, dass jemand im Guten beharrt angesichts der Furcht vor zukünftigen Gefahren, sondern auch darin, dass er das Gute nicht aus Trauer oder Schmerz über das Gegenwärtige preisgibt. Unter diesem Gesichtspunkt ist die Geduld der Tapferkeit verwandt. Die Tapferkeit jedoch betrifft vor allem jenen Bereich der Furcht, zu deren Begriff das Fliehen gehört, dem sie entgegenwirkt. Die Geduld hingegen wendet sich gegen die Traurigkeit, denn geduldig wird jemand nicht deswegen genannt, weil er nicht flieht, sondern weil er gegenwärtige Unbill erträgt und sich durch sie nicht zur Traurigkeit versuchen lässt. Daher liegt die Tapferkeit eher auf Seiten des aggressiven Vermögens, die Geduld hingegen entspricht dem Begehren. Dennoch kann die Geduld durchaus ein Teil der Tapferkeit genannt werden, da die Verbindung zweier Tugenden nicht im Subjekt des entsprechenden Aktes, sondern in dessen Gegenstandsbereich liegt.“

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Egon Fridell, Kulturgeschichte der Neuzeit. Die Krise der europäischen Seele von der schwarzen Pest bis zum Weltkrieg, Bd. I (München 1930) 

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„Jedes Zeitalter macht sich seine Krankheiten, die ebenso zu seiner Physiognomie gehören wie alles andere, was es hervorbringt.“

Egon Fridell

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S. 95

„Ich sagte: die Geburtsstunde der Neuzeit wird durch eine schwere Erkrankung der europäischen Menschheit bezeichnet: die schwarze Pest. Damit soll aber nicht ausgedrückt sein, dass die Pest die Ursache der Neuzeit war. Sondern es verhielt sich gerade umgekehrt: erst war die ‚Neuzeit‘ da, und durch sie entstand die Pest. In seinem ungemein gedankenreichen Werk ‚Gesundheit und Krankheit in der Anschauung alter Zeiten‘ (dt. 1901) sagt Troels (Frederik) Lund (1840-1921): ‚Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Krankheiten ihre Geschichte haben, so dass jedes Zeitalter seine bestimmten Krankheiten hat, die so nicht früher aufgetreten sind und so auch nicht wiederkehren werden.‘ Dies lässt sich offenbar nur so erklären, dass jedes Zeitalter sich seine Krankheiten macht, die ebenso zu seiner Physiognomie gehören wie alles andere, was es hervorbringt: sie sind gerade so gut seine spezifischen Erzeugnisse wie seine Kunst, seine Strategie, seine Religion, seine Physik, seine Wissenschaft, seine Erotik und sämtliche übrigen Lebensäußerungen, sie sind gewissermassen seine Erfindungen und Entdeckungen auf dem Gebiet des Pathologischen. Es ist der Geist, der sich den Körper baut; immer ist der Geist das Primäre, beim Einzelnen wie bei der Gesundheit. Wenn wir die – allerdings auf mehr als einer Seite hinkende – Vergleichung mit dem Individuum festhalten wollen, so müssen wir sagen: die schwarze Pest ist ebensowenig die Ursache der Neuzeit wie die Schwangerschaft die Ursache eines neuen Organismus ist, sondern hier wie dort besteht die wahre Ursache darin, dass ein neuer Lebenskeim in den Mutterkörper eintritt, und die Folge und der Ausdruck dieser Tatsache ist die Schwangerschaft. Der ‚neue Geist‘ erzeugte in der europäischen Menschheit eine Art Entwicklungskrankheit, eine allgemeine Psychose, und eine der Formen dieser Erkrankung, und zwar die hervorstechendste, war die schwarze Pest.“

Ebd. S. 104

„Die Folge einer solchen vollkommenen Desorientierung ist zunächst ein tiefer Pessimismus. Weil man an den Mächten der Vergangenheit zweifeln muss, verzweifelt man an allen Mächten; weil die bisherigen Sicherungen versagen, glaubt man, es gebe überhaupt keine mehr. Die zweite Folge ist ein gewisser geistiger Atomismus. Die Vorstellungsmassen haben keinen Gravitationsmittelpunkt. keinen Kristallisationskern, um den sie sich anordnen könnten, sie werden zentrifugal und lösen sich auf. Und da es an einer übergeordneten Zentralidee fehlt, so ist auch das Willensleben ohne Direktive, was sich aber ebensowohl in Abulie wie in Hyperbulie, in Hemmungsneurosen wie in Entladungsneurosen äussern kann. Die Menschheit verfällt abwechselnd in äusserste Depression und Lethargie, in stumpfe Melancholie und Reglosigkeit oder in die maniakalischen Zustände eines pathologischen Bewegungsdranges: es ist jenes Krankheitsbild, das die Psychiatrie als folie circulaire beschreibt. Und schiesslich kann es nicht ausbleiben, dass der Mangel an Fixierungspunkten sich auch in der Form der Perversität äussert: auf allen Gebieten, in Linien, Farben, Trachten, Sitten, Denkweisen, Kunstformen, Rechtsnormen wird das Bizarre Gesuchte, Verborgene, Verzerrte, das Disharmonische, Stechende, Überpfefferte, Abstruse bevorzugt: man gelangt zu einer Logik des Widersinnigen, einer Physik des Widernatürlichen, einer Ethik des Unsittlichen und einer Ästhetik des Hässlichen. Es ist wie bei einem Erdbeben; die Massstäbe und Richtschnüre der gesamten normalen Lebenspraxis versagen; die tellurischen, die juristischen und die moralischen.“

Ebd. S. 106-108 

„Gegenüber einem solchen katastrophalen Zusammenbruch aller Werte, einer solchen radikalen Lösung aller Bindungen gibt es nur zwei Positionen: vollkommene Kritiklosigkeit, blinde Prostration vor dem Schicksal: Fatalismus, oder Hyperkritik, gänzliche Leugnung jeglicher Nezessität: Subjektivismus. Den ersten Standpunkt nahmen die Scotisten ein. Sie wenden sich gegen die Thomisten, die behauptet hatten, alles Vernünftige sei gottgewollt; und erklären: alles Gottgewollte sei vernünftig; man dürfe nicht sagen: Gott tut etwas, weil es gut ist, sondern: etwas ist gut, weil Gott es tut. Die subjektivistische Anschauung vertraten die ‚Brüder vom freien Geiste‘, die fahrenden ‚Begharden‘, zügellose Banden, die in der Rheingegend und anderwärts ihr Wesen trieben und vom Betteln, aber auch von Erpressung und Raub lebten, den sie für erlaubt erklärten, da Privatbesitz Sünde sei. Ihre Lehre verbreiteten sei in Predigten und Flugschriften und in Diskussionen (…). Ihre Hauptsätze lauteten: Ein überweltlicher Gott existiert nicht: der Mensch ist Gott; da der Mensch Gott gleich ist, so bedarf er keines Mittlers: das Blut eines guten menschen ist ebenso verehrungswürdig wie das Blut Christi; sittlich ist, was die Brüder und Schwestern sittlich nennen; die Freiheit kennt keine Regel, also auch keine Sünde: vor dem ‚Geist‘ gibt es weder Diebstahl noch Hurerei; das Reich Gottes und die rechte Seligkeit sind auf Erden: Darin besteht die wahre Religion. Kurz: das nur auf sich selbst gestellte, durch keinerlei Gewissensskrupel belastete Ich ist der wahre Christus. 

Beide Standpunkte sind nihilistisch. Der Scotismus betont die Allmacht und alleinige Realität Gottes so stark, dass er das Ich auslöscht; das Stirnertum der Begharden betont die Allmacht und alleinige Realität des Ich so stark, dass es Gott auslöscht. Man könnte auf den ersten Blick glauben, dass der Scotismus der Gipfelpunkt der Religiosität sei, aber bei näherer Betrachtung erkennt man: er wurzelt nicht im höchsten Vertrauen in die göttliche Vernunft, sondern in der tiefsten Verzweiflung an der menschlichen Vernunft. Es ist dieselbe Exaltation des Gefühls, dieselbe Erkrankung des metaphysischen Organs, die aus beiden Lehren spricht. Übermässige Hitze und übermässige Kälte pflegen die gleichen physiologischen Wirkungen zu erzeugen. Und so sehen sich die Sätze, die aus diesen beiden polaren Weltanschauungen hervorgehen, oft zum Verwechseln ähnlich, und viele Aussprüche der ausgehenden Scholastik unterscheiden sich (…) von äußersten Gotteslästerungen nur noch durch ihre Tendenz.“